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Retreat in einem tibetisch-buddhistischem Kloster

 

Ich habe tief und fest geschlafen und bin schon sehr früh munter. Draußen ist es noch dunkel und ich nutze die Zeit bis zum Frühstück, um meine gestrigen Eindrücke gedanklich zu sortieren und in meinem Tagebuch festzuhalten. Mein heutiges erstes Ziel sind die Bergdörfer am Fuße des Himalayas. Die Fahrt durch Kathmandu wird zu einem abenteuerlichen Erlebnis. Es ist mit Worten nicht zu beschreiben, wie hektisch und laut es auf den beschädigten Straßen Nepals zugeht. Regeln scheint es keine zu geben. Trotz alledem beherrschen die Autos und die unzähligen Motorräder das Chaos perfekt. Ohne einen Blechschaden zu fabrizieren, schlängelt sich mein Fahrer telefonierend durch die staubigen Straßen. Gebremst wird ausnahmslos nur für Kühe und Hunde, die es sich mitten auf der Fahrbahn gemütlich machen.

 

Laut Berichten liegt Nepal am dritten Platz der schmutzigsten Städte der Welt, der Verkehr im Kathmandu-Tal trägt da natürlich maßgeblich dazu bei.

 

Umso weiter wir uns vom Stadtkern entfernen, desto ruhiger und ländlicher wird es. Die kurvige und stellenweise sehr enge Straße schlängelt sich den Berg hinauf und bietet atemberaubende Blicke auf das Kathmandu-Tal. In Nagarkot, einem Ort auf 2195 Höhenmeter legen wir eine Pause ein. Dankbar genieße ich nach dem Staub der Stadt die wunderbare Luft, das freie Atmen und ganz besonders den faszinierenden, unvergesslichen Ausblick auf die schneebedeckten Gipfel des Himalayas. Ich fühle mich dem Himmel so nah wie niemals zuvor.

 

Unsere Fahrt führt uns zu einem kleinen Bergdorf, von dort geht es zu Fuß weiter. Frauen, die schwere Lasten tragen, begegnen mir ebenso wie Ziegen und Schafe. Luxus und Komfort sucht man hier vergeblich. Viele der sehr einfachen Häuser sind nach wie vor von dem heftigen Erdbeben beschädigt, manche sogar komplett zerstört und unbewohnbar. Notquartiere aus Wellblech, die teilweise nur wenig geräumiger als Geräteschuppen sind, wurden errichtet. So traumhaft auch die Landschaft ist, der Anblick von Zerstörung und Armut trifft mich sehr. Wie ich erfahre, konzentriert sich die Unterstützung nach dem Erdbeben mehr auf die Hauptstadt, in den abgelegenen Dörfern sind die Menschen auf sich selbst gestellt. Der Anblick, der sich mir bietet, bestätigt das leider.

 

Einige Stunden später treffen wir in Bhaktapur ein. Die dritte und kleinste Königsstadt des Kathmandu-Tals wird auch "Stadt der Frommen" genannt. Sie liegt 15 km östlich von Kathmandu am Fluss Hanumante Khola und gehört seit 1979 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Am Bhaktapur Durbar Square, dem historischen Stadtplatz, befinden sich der königliche Palast, viele Tempel und Pagoden, Statuen, Säulen und kunstvolle Tore. Hinter vielen kleinen Eingangstüren finden sich große, sehenswerte Innenhöfe. Eine ganz eigene, einzigartige Atmosphäre liegt über der Stadt, man fühlt sich fast ein wenig ins Mittelalter versetzt. Auch diesen historischen Gebäuden sind die Spuren des Erdbebens noch deutlich anzusehen. Das tut dem Zauber der Stadt jedoch keinen Abbruch. Innerhalb des Durbar Square befinden sich diverse Lokale und ganz entzückende Läden und Manufakturen. Natürlich muss ich diesen einen kurzen Besuch abstatten. In einem Tuchladen erstehe ich ein wunderschönes buntes Tuch. Nach den vielen Besichtigungen verspüre ich ein wenig Hunger und genieße in einem gemütlichen kleinen Restaurant mitten am Square die ausgezeichnete nepalesische Küche, mein heiß geliebtes Sweet Lassi und die Sonne. Ich weiß schon jetzt, dass mir die Speisen mit den mir fremden Gewürzen sehr fehlen werden.

Zurück in Kathmandu ist es bereits dunkel. Ein langer Tag voller neuer Eindrücke neigt sich dem Ende zu. An Schlaf ist jedoch noch lange nicht zu denken, in meinem Kopf dreht sich ein unaufhaltbares Gedankenkarussell.

 

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